Unsichtbare Symptome bei MS

Schluckstörungen bei MS I Lass dich behandeln für mehr Lebensqualität!

16. September 2020
Schluckbeschwerden-Dysarthrie

Schluckstörungen/Dysphagien bei Multipler Sklerose (MS) schränkt die Lebensqualität eines Betroffenen enorm ein — das ist Fakt und kann nicht schön geredet werden. Zum Glück hatte ich das in meiner MS-Karriere nur selten. Meistens während oder die Wochen nach einem Schub.

Eins lernte ich bei meiner Recherche, Schluckstörungen sind seltener als Sprachstörungen. Sie sind selten schwer und leider erst in den letzten Jahren zunehmend untersucht. Die Aussichten auf Besserung sind behandelbar, jedoch muss man aktiv mitarbeiten. Geschenkt wird einem leider mit der MS nichts und erfordert oft Geduld und Disziplin. Definition von Schluckstörungen/Schluckbeschwerden:

 

Von einer Schluckstörung spricht man, wenn eine Störung des Schluckens oder der Passage von fester oder flüssiger Nahrung vom Mund zum Magen vorliegt.

 

Der Vollständigkeitshalber noch eine Anmerkung: Eine Dysphagie bezeichnet Probleme bei Schluckstörungen und -beschwerden die schmerzlos verlaufen. Nahrung und Flüssigkeit werden nicht mehr richtig zum Magen transportiert. Von einer Odynophagie spricht man, wenn Patienten Schmerzen dabei haben. Wenn das Schlucken überhaupt nicht mehr möglich ist, nennt man das Aphagie.

 

Was bedeutet normales Schlucken? Dann verstehst du auch Schluckstörungen …

Schlucken ist ein sensomotorischer Vorgang (Steuerung und die Kontrolle im Zusammenspiel mit den Rückmeldungen der Sinne), der in 4 Phasen abläuft. Der Schluckprozess wird durch das Zentralnervensystem (ZNS) gesteuert, genau da wo bei der MS ein zentrales Problem liegt. Das ZNS koordiniert die Tätigkeit der Muskelpaare, die in Phasen abläuft. Sie befördern den Speichel oder die Nahrung vom Mund in den Magen.

Phase 1: Vorbereitung oral (im Mund ablaufend):

Die Nahrung, also die Speisen, die wir zu uns nehmen werden gekaut und mit Speichel vermischt. Davor nehmen wir bewusst auf, was wir an Lebensmitteln sehen und riechen. Durch Bewegungen vom Kiefer, der Zunge und der Wangen wird das mit Speichel vermischte Essen zu einem Bissen geformt.

Phase 2: Orale Phase

Der Bissen wird nun auf dem hinteren Drittel der Zunge platziert und durch eine Bewegung der Zunge nach hinten in den Rachen befördert. Diese Vorgänge sind bis dato willkürlich. Erst ab dem Zeitpunkt, wo der Bissen die Rachenhinterwand passiert und es in die nächste Phase des Schluckens übergeht, ist der Vorgang unwillkürlich.

Phase 3: Pharyngeale (im Rachen ablaufende) Phase

Der Bissen wird durch die reflektorische gesteuerten Muskulatur vom Rachen und Kehlkopf über die Speiseröhre in den Magen transportiert. Dabei legt sich der Kehldeckel schützend über den Kehlkopf und verhindert somit, dass Nahrung in die Atemwege gerät. Der Vorgang vollzieht sich in circa einer Sekunde.

Phase 4: Ösophageale (in der Speiseröhre ablaufende) Phase

Durch die Bewegung (Peristaltik) der Speiseröhrenmuskulatur wird der Bissen von 4 bis 20 Sekunden durch die gesamte Speiseröhre bis zu deren unteren Schließmuskel in den Magen befördert.

 

Schlucken ist ein sensomotorischer Vorgang, der in 4 Phasen abläuft.

 

Welche Formen von Schluckstörungen bei MS gibt es?

Die Zentren, die den Schluckvorgang steuern, werden in zwei Gruppen unterteilt:

  • Zentren im Hirnstamm steuern die unbewusst ablaufenden Vorgänge. Sie verarbeiten Informationen aus dem sensiblen System im Rachen und Kehlkopf und koordinieren die zeitliche und räumliche Zusammenspiel der Muskeln in Rachen und Kehlkopf.
  • Zentren im Großhirn regeln den willkürlichen Schluckvorgang, mit oder ohne Nahrung, und leiten die Funktion im Hirnstamm ein.

Die verschiedenen Zentren sind durch mit Myelin ummantelte Nervenbahnen miteinander verbunden, die durch MS-Herde (Entmarkungsherde oder auch Läsionen oder Plaques genannt) geschädigt werden können.

 

Welche Symptome weisen auf eine Schluckstörung hin?

Sollten folgende Systeme bei euch auftreten, dann spricht mit eurem Neurologen darüber. Er führt eine Diagnostik durch und eine Therapie wird begonnen. Eventuell überweist er dich zusätzlich zu einem HNO-Arzt. Später zu einem Logopäden.

Erste Anzeichen:

  • Schwierigkeiten, die Nahrung im Mund zu kontrollieren. Verschlucken und Herauslaufen von Speichel aus dem Mund.
  • Erschwertes Schlucken, Unsicherheit und Ermüdung beim Schlucken.
  • Husten und Würgen beim Essen, oft auch Husten danach.
  • Ein Gefühl, dass einem etwas „im Halse steckenbleibt“.
  • Man benötigt mehr Zeit zum Essen.
  • Häufig bekommt man eine heisere oder gurgelige Stimme.
  • Eventuell eine ungewollte Gewichtsabnahme.

Mögliche Ursachen für einen Hinweis auf schwere Schluckstörungen:

  • Ein ständig feuchter Husten.
  • Fieberschübe, die nicht erklärbar sind.
  • Immer wiederkehrende Lungenentzündungen.

Oft liegen bei vorhandenen Alarmsignalen eine schwere Schluckstörung in Kombination einer Störung des Hustenreflexes und Sensibilitätsstörungen zugrunde. Ein  Eindringen von Nahrung in die Atemwege, eine Aspiration, verläuft meist „still“ und kein Husten setzt ein. Das führt oftmals zu Lungenentzündungen. Bei schweren Schluckbeschwerden erfolgt die Ernährung zeitweise über eine Ernährungssonde.

 

Erste Symptome, die auf eine Störungen oder auf Beschwerden beim Schlucken hinweisen,

sollten umgehend mit einem Arzt besprochen werden.

 

Wie erfolgt die Diagnose von Dysphagien?

Dein Arzt fragt dich nach deinen Symptomen, wie vorher von mir aufgelistet. Eine klinische Untersuchung erfolgt: Ausmaß/Koordination der Bewegungen der Rachen- und Kehlkopfmuskulatur und deren Sensibilität. Die Phasen 3 und 4 des Schluckens können nur mit apparativen Verfahren abgeklärt werden.

Es gibt verschiedene Verfahren und Diagnostikmöglichkeiten, die ich nur mit den Namen jetzt aufzähle. Es würde hier den Rahmen sprengen, aber ich verlinke sie euch:

  • Fiberoptisch-endoskopische Schluckdiagnostik (FEES) — wird immer als Erstes angewandt
  • Röntgenkinematografie — nur angewendet, wenn FEES nicht ausreichend
  • Messung des Druckes im Rachenraum (Manometrie) und EMG-Untersuchungen, der am Schlucken beteiligte Muskeln —  beide sehr selten in der Praxis

Wichtig ist hier bei meinen Erläuterungen, dass man erstmal einen Gesamtüberblick zum Thema „Schluckstörungen und -beschwerden“ bekommt. Details zu den Untersuchungsmöglichkeiten und Durchführung bespricht dein Arzt mit dir.

 

Wie werden Schluckbeschwerden behandelt?

Die Erfolge einer Schlucktherapie sind abhängig von Ausmaß und Lokalisation der Schädigung am Zentralnervensystem, der exakten Diagnostik, der Mithilfe des Betroffenen und der Qualifikation der Therapeuten.

Man unterscheidet vier Therapieverfahren, die ich kurz zusammengefasst für dich aufführe:

  • Restituierende Verfahren

Sie unterstützen die Wiederherstellung der gestörten Funktion in ihrem natürlichen Ablauf. Es werden krankengymnastische Bestandteile angewendet, wie mundmotorische Übungen, Stimulationstechniken zur Förderung reflektorischer Abläufe und Hemmung pathologischer reflektorischer Abläufe. Ebenfalls finden Trainingseinheiten zur Verbesserung der Kehlkopfhebung, zum Kehlkopfverschluss und zur verbesserten Kontraktionskraft der Rachenmuskulatur statt.

  • Kompensatorische Techniken

Hier werden Strategien angewendet, die das Schlucken erleichtern oder ermöglichen. Außerdem zählen Techniken wie Veränderungen der Kopf- und Körperhaltung beim Schlucken und spezielle Schlucktechniken dazu. Wie bei den restituierende Verfahren sind wochen- bis monatelanges Üben für erste Erfolge notwendig.

  • Adaptative Verfahren

Bei diesem Verfahren erfolgt durch Übungen die Anpassung der Nahrung an die gestörte Schluckfunktion. Dazu gehört das Anpassen der Nahrungskonsistenz, begrenzte Bissengröße bei kalter oder warmen Nahrung bei gestörter Schluckreflexauslösung. Ebenso angepasstes Essgeschirr und Trinkgefäße, die ein Hintenüberneigen des Kopfes verhindern. Bei Adaptative Verfahren wird die Störung selbst nicht behoben, nur die Nahrungsaufnahme erleichtert.

  • Invasive Maßnahmen

Bei seltenen Schluckstörungen/Dysphagien bei MS, die mit schweren Beschwerden und hochgradiger Gefahr der Aspiration (Eindringen von Nahrung/Material beim Einatmen in die Atemwege) einhergehen, werden gelegentlich eine PEG (Ernährungssonde durch die Bauchdecke) angelegt. Eine Therapie und die teilweise Ernährung auf natürlichem Weg  durch die Sonde wird nicht beeinträchtigt.

Schluckstörungen durch Operationen sind selten sinnvoll. An erster Stelle stehen immer nichtoperative Verfahren, die ich dir ausführlich erklärt und aufgelistet habe. Sind diese restlos ausgeschöpft, erst dann, wird der Arzt zu einer Operation raten.

 

Gehe ein Schluckstörungen bei den ersten Anzeichen an!

Nach meinen Erfahrungen mit Sprachstörungen, die mit häufigem Verschlucken einhergingen, solltet ihr unbedingt bei ersten Anzeichen den Kontakt zum Facharzt suchen. Ich selbst hatte 2017 einen aufgesetzten Schub und wurde in einer neurologischen Klinik deswegen behandelt. Bereits am zweiten Tag habe ich mit Sprachübungen begonnen. Noch viele Monate danach suchte ich zu Beginn zweimal die Woche die Logopädin auf, später einmal die Woche mit zusätzlichem Üben daheim. Nach dieser Zeit verschwanden ebenfalls meine leichten Schluckbeschwerden.

Ich denke, dem ist nichts hinzuzufügen — doch wie immer interessiert mich deine Meinung?

Hattest du auch schon Beschwerden mit dem Schlucken?

Eventuell ebenfalls im Zusammenhang mit der Sprache?

Kommentiere jetzt unter diesem Artikel.

 

Ich wünsche dir deine beschwerdefreie Zeit und hoffe, es geht dir gut!

Deine

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8 Kommentare

  • Antworten Bettina Halbach 20. September 2020 at 22:37

    Liebe Caro, das klingt, als ob du in einem Gruselkabinett leben würdest, ein toller Beitrag und gut recherchiert: Selbsterfahrung, praktische Tipps wie damit leben und umgehen und woran MS-bedingte Schluckstörungen zu erkennen sind. Ich wünsche dir dafür ganz viele Leser 🙂 liebe Grüße Bettina

    • Antworten frauenpowertrotzms 20. September 2020 at 22:40

      Danke liebe Bettina. Hoffe einigen Lesern damit zu helfen.
      Liebe Grüße Caro

  • Antworten Tamara 20. September 2020 at 19:35

    Darf ich fragen, ob du die Beschwerden sofort als Schluckbeschwerden identifizieren konntest? Ich denke, das ist bestimmt auch ein häufiges Problem. Wie ist das jetzt? Musst du zur Prävention regelmäßig noch Übungen machen?

    • Antworten frauenpowertrotzms 20. September 2020 at 20:06

      Ich hatte die Probleme vor dem Schub und danach und beide Symptome wurden gleichzeitig behandelt. Ich hatte gute Ärzte in der Klinik. Heute passiert mir das vielleicht einmal im Monat mit dem Schlucken. Alles wieder gut!

  • Antworten Dr. Annette Pitzer 19. September 2020 at 12:57

    Liebe Caro,
    ein wichtiges Thema dem sich leider viele MS-Erkrankte irgendwann stellen müssen. Wissen ist Macht! Wie man an Deiner eigenen Geschichte sehen kann ist es wichtig frühzeitig zu intervenieren, denn dieses Symptom kann man nicht aussitzen.
    Alles Liebe
    Annette

  • Antworten Kerstin Kubon 16. September 2020 at 22:57

    Liebe Caro, wie immer hast du auch dieses Thema perfekt erklärt. Ich habe Gott sei Dank noch keine Schluckstörungen gehabt, bin aber jetzt so gut informiert, dass ich die Anzeichen gleich richtig deuten kann. Danke dafür!

    • Antworten frauenpowertrotzms 16. September 2020 at 23:00

      Liebe Kerstin,
      ja bei Schluckbeschwerden bei den ersten Anzeichen kann man viel tun. Ich habe durch meine Sprachstörungen das gleich mittrainiert.
      Liebe Grüße
      Caro

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