Multiple Sklerose

Die MS wütet auch in Kriegszeiten!

17. März 2018
Krieg

Die MS wütet auch in Kriegszeiten!

Und damit meine ich tatsächlich MS-Betroffene und die Menschen, die seit Jahren in einem Kriegsgebiet leben und jeden Tag Angst und Schrecken erleben. Die bombardiert werden, keine Häuser, kein Essen und keine oder sehr wenige medizinische Versorgung haben. Kinder gehen seit Jahren in keine Schule, Männer können nicht arbeiten, Frauen werden vergewaltigt, Menschen werden verschüttet und verletzt, sterben … jeden Tag! Deswegen nannte ich meinen heutigen Beitrag „Die MS wütet auch in Kriegszeiten!“.

 

Ich möchte aufrütteln

Mich kostet es schon etwas Überwindung über das Thema  und all das zu schreiben, doch auf der einen Seite möchte ich aufrütteln, dass wir auf höchstem Niveau jammern. Ich auch. Klar, unser Gesundheitssystem muss verbessert werden, doch wir haben es gut, verdammt gut. Und die andere Seite ist, warum ich das hier schreibe. ich möchte euch eine junge Frau vorstellen, die mich berührt hat, mich beschämt, mich mal wieder zufriedener gemacht hat.  Ich habe sie vor zwei Wochen getroffen, hier in Landau.

Ich nenne sie einfach Lia, denn sie soll unerkannt bleiben. So kann ich ihre Privatsphäre schützen.

 

Und so beginnt meine Begegnung mit Lia …

… ein Mitarbeiter in einem Arbeitsamt (Wohnort bleibt unbekannt) gibt dieser jungen Frau die Telefonnummer von meiner Stellvertreterin und mir, da ich und sie bzw. unsere Selbsthilfegruppe bei der DMSG gelistet sind. Lia nimmt Kontakt mit Nicole auf; ich erst später, da ich zu diesem Zeitpunkt in der Klinik liege. Wir vereinbaren ein Treffen und lernen uns kennen. Am Bahnhof treffe ich Lia das erste Mal und mir begegnet eine schüchterne freundliche junge Frau. Ich weiß nicht warum, aber ich schließe sie nach ein paar Worte sofort ins Herz. Ihre Augen haselnussbraun blicken mich traurig an, auch wenn sie lächelt.

Wir treffen Nicole in einem Café und die Stunden vergehen. Mit unseren Handys übersetzen wir ins arabische, wenn Lia uns nicht versteht, auch um ihre Fragen rund um die MS zu beantworten. Lia hat Multiple Sklerose und erhielt ihre Diagnose 2007. Wie alt sie ist, verrät sie mir auch bei unserem letzten Treffen am Freitag nicht. Ich schätze sie unter 30. Sie lebte in Damaskus, hat BWL studiert und ist vor 2 Jahren über Griechenland aus Syrien mit ihrer Schwester geflohen. Sie hat noch Eltern, einen Bruder und drei weitere Schwestern; ob sie noch leben weiß sie nicht. Ihr Blick wird stumpf, unsagbar traurig und sie verstummt, da sie keine Worte findet, was sie mitgemacht hat. Wir schweigen für einen Moment. Keiner spricht ein Wort bis Nicole uns aus der Starre holt.

 

Die MS wütet auch in Kriegszeiten!

Worte können hier nicht helfen, aber wir können für sie Dasein. Ihre Schwester ist viel in Stuttgart, da dort ihr Freund lebt, den sie bald heiraten wird. Lia ist viel allein, denn seit sie in Deutschland ist, wütet ihre MS. Sie ist einsam. Die Sprachkurse musste sie immer wieder unterbrechen, da sie oft im Krankenhaus behandelt wurde. Lia darf nicht arbeiten, hat keine Beschäftigung, keinen Anschluss an die deutsche Bevölkerung. Zum Glück wird sie von einer sehr guten Neurologin versorgt, ist von den Medikamenten gut eingestellt. Leider leidet sie unter Depressionen, dadurch wird sie weiter zurückgeworfen in der Integration, denn ab nächster Woche geht sie in die Tagesklinik. Da sie die Sprache sehr schlecht kann, darf sie nicht arbeiten und ihre Aufenthaltsgenehmigung, zuerst ein Jahr,  ist auf zwei Jahre begrenzt. Doch wenn sie die Möglichkeit hat, dann redet sie mit den Händen und ihre Augen leuchten.

 

Selbsthilfegruppe

Am Freitag konnte ich organisieren, dass sie von einem befreundeten Ehepaar, das mehr ihrem Alter entspricht wie ich, zu unserem MS-Gruppentreffen mitgenommen wurde. Sie hat sich wohl gefühlt bei unserem Treffen und da sie neben mir saß, konnte ich ihr gut übersetzen. Alle waren sehr lieb zu ihr, erzählten von sich und haben sie nicht ausgefragt, sondern sie sehr herzlich in die Mitte genommen.

Ich bin auch froh, dass wir durch die DMSG und Amsel eine gute Vernetzung haben und dort sehr kompetente Ansprechpartner gibt, die mir bei meinen Anfragen wegen Lia schnell geholfen haben. Ich hoffe sehr, dass Lias Familie noch lebt und sie nicht in einem Jahr abgeschoben wird. Einige von uns versuchen gerade Kontakt zu der Kirche aufzunehmen, damit Lia vielleicht in angebotene Gruppen und Treffen für Frauen aufgenommen wird. Damit sie Anschluss bekommt und dadurch die Sprache besser lernen kann. Und nicht mehr so einsam ist. Ich freue mich sie wiederzusehen und versuche meine Kontakt auszuschöpfen.

 

Begegnungen

Die MS hat mich und Lia zusammengeführt, eine weitere Begegnung in meinem Leben mit der Krankheit, ein Gesicht und eine Geschichte unter den zig tausenden von Betroffenen – keine ähnelt der anderen und doch macht mich Lias Geschichte sehr betroffen. Können wir uns vorstellen, wie man alles verliert, Menschen die man liebt nicht mehr sehen darf, die sterben unter Bombenhagel, keine Medikamente bekommt, flieht und in einem fremden Land und Kultur leben muss und nur geduldet ist? Keiner von uns und ich bin dankbar mal wieder in Deutschland zu leben. Dankbar für so vieles und dass ich bis jetzt von Armut in meinem Land verschont blieb, auch wenn es hier auch genug zu berichten gäbe …

Lasst die Geschichte „Die MS wütet auch in Kriegszeiten!“ einfach auf euch wirken oder erzählt mir von Menschen, die euch berührt, überrascht oder geholfen haben. Deren Geschichte erzählt werden soll, damit wir Menschen näher zusammenrücken und die Welt ein kleines bisschen besser wird. Kriege können wir nicht verhindern, aber die Menschen auffangen, denen wir begegnen, wenn sie es möchten; denn es gibt auch die andere Seite, dass Integration nicht gewünscht und gelebt wird, aber das ist eine andere Geschichte …

Herzlichst

Eure

MS-Blog frauenpowertrotzms

 

 

Bildquelle: https://pixabay.com/de/blume-leben-riss-w%C3%BCste-d%C3%BCrre-887443/


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